Aufbereitet, aber mit voller Garantie: Wie Recommerce das Misstrauen gegen refurbished Handys abbauen will
Rund ein Drittel der Schweizerinnen und Schweizer bewahrt ausgediente Handys in der Schublade auf. Gleichzeitig wächst der Markt für aufbereitete Geräte stark. Recommerce, Marktführer im Schweizer Refurbished-Geschäft, will nun eine der letzten psychologischen Hürden abbauen: Für aufbereitete Geräte gilt bei Recommerce neu dieselbe 2-jährige Garantiedauer wie für Neuware. Diese ersetzt die im Schweizer Handel übliche Dauer von zwölf Monaten für aufbereitete Geräte. Im Gespräch erklärt Jérôme Grandgirard, Geschäftsführer von Recommerce Swiss, warum diese Angleichung mehr als ein Serviceversprechen ist und weshalb der Standort Schweiz für das Geschäftsmodell entscheidend bleibt.
UnternehmerZeitung, mm
Laut dem Recommerce-Barometer behalten 36 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer ihre alten Handys in der Schublade. Warum fällt es vielen Menschen offenbar so schwer, sich von ihren Geräten zu trennen?
Da spielen zwei Dinge zusammen. Zum einen die «Man weiss ja nie»-Mentalität, dieser Reflex, ein Gerät für den Notfall zu behalten. Zum anderen fehlt vielen schlicht das Bewusstsein für den Wert, den ihr altes Gerät noch hat, oder sie unterschätzen ihn deutlich. Wir bei Recommerce nennen das die «teuerste Versicherung der Welt»: Man verliert Geld, wenn man ein Gerät ungenutzt liegen lässt, statt seinen Restwert zu nutzen.

Welches Potenzial geht der Schweizer Wirtschaft und der Umwelt verloren, wenn diese Geräte weder verkauft noch gespendet werden?
Der Verlust ist doppelt. Wirtschaftlich, weil jedes Gerät noch finanziellen Wert hat und ökologisch, weil das Gerät in der Schublade nicht wiederverwendet wird. Ein Gerät länger zu nutzen, schont die Umwelt mehr als jedes Recycling.
Vertrauen scheint beim Kauf von refurbished Geräten heute wichtiger zu sein als der Preis. Wie hat sich das Konsumentenverhalten in den vergangenen Jahren verändert?
Laut unserer Studie bleibt der Preis weiterhin der wichtigste Kauftreiber. Aber es verändert sich etwas. Früher kaufte man ein gebrauchtes Handy meist privat, ohne Prüfung und ohne Garantie. Heute übernehmen das spezialisierte Firmen. Dadurch steigt das Vertrauen in die Qualität. Immer mehr Leute merken, dass aufbereitete Geräte günstiger und umweltfreundlicher sind, und der Anspruch an Qualität steigt.

Sie bieten nun dieselbe Garantiedauer für aufbereitete Geräte wie für Neugeräte an. Welche Auswirkungen erwarten Sie auf die Nachfrage?
Wir erwarten, dass diese Angleichung hilft, Gewohnheiten zu verändern. Wenn die Garantie dieselbe ist wie beim Neugerät, wird sie zum Standard und nimmt die psychologische Hürde, ein gebrauchtes Gerät sei weniger verlässlich, weg. Zugleich ist die verlängerte Garantie ein Beleg für unsere genaue Arbeitsweise, für unsere Verlässlichkeit und für unsere Fähigkeit, hochwertige Leistungen anzubieten.
Welche Rolle spielen Garantie und Kundendienst dabei, bestehende Vorurteile gegenüber refurbished Geräten abzubauen?
Beide signalisieren, dass ein Produkt professionell behandelt wurde, vor dem Verkauf und danach. Wir wollen dasselbe Serviceniveau bieten wie beim Neugerät. Auf dem Markt gibt es Anbieter, die auf tiefe Preise setzen, dahinter aber kaum echten Kundendienst und keine lokale Präsenz haben. Das birgt die Gefahr enttäuschender Erfahrungen mit refurbished Geräten und schadet dem Ruf des ganzen Segments.
«Ihr altes Gerät hat einen finanziellen Restwert für Sie und einen wertvollen Rohstoffwert für den Planeten. Lassen Sie es nicht verstauben.»
Jérôme Grandgirard, Geschäftsführer von Recommerce Swiss
Recommerce setzt bei Garantiefällen auf lokale Reparaturen in Steinhausen statt auf einen kompletten Geräteaustausch. Welche Vorteile bringt dieser Ansatz für Kundinnen und Kunden sowie für die Nachhaltigkeit?
Der Nutzen ist dreifach. Ökologisch senken wir den CO2-Fussabdruck, weil Transportwege wegfallen. Betrieblich sind wir schneller, weil die Reparatur vor Ort kürzere Durchlaufzeiten ermöglicht. Und wirtschaftlich schaffen wir lokale Arbeitsplätze und Know-how.
Sie sprechen von einer lokalen Kreislaufwirtschaft. Wie wichtig ist der Standort Schweiz für Ihr Geschäftsmodell und welche wirtschaftlichen Effekte entstehen dadurch?
Der Schweizer Standort ist zentral. Eine physische Präsenz vor Ort, in Fribourg und Steinhausen, schafft die nötige Glaubwürdigkeit bei Schweizer Konsumentinnen, Konsumenten und Partnern. Und sie erlaubt uns, die gesamte Kette lokal zu steuern, vom Rückkauf über die Reparatur bis zum Wiederverkauf. So entstehen Arbeitsplätze und Infrastruktur direkt in der Schweiz, bei kürzeren Transportwegen.
Viele Konsumentinnen und Konsumenten wissen vermutlich nicht, was mit ihrem alten Smartphone passieren kann. Wie schaffen Sie Vertrauen in den Ankaufs- und Aufbereitungsprozess?
Über drei Wege. Erstens Transparenz, etwa durch Zertifizierungen wie das von DEKRA vergebene RECQ-Label. Zweitens industrielle Standards: eine Qualitätsprüfung mit 60 Kontrollpunkten und eine sichere, zertifizierte Datenlöschung nach ADISA-Standard. Und drittens Professionalität: Wir setzen die Geräte auf Werkseinstellungen zurück, reinigen sie und ersetzen defekte Komponenten durch zertifizierte Teile. Dabei arbeiten wir nach den Protokollen von Apple und Samsung, mit denselben Werkzeugen und Techniken wie die Hersteller.

Mit über einer Million aufbereiteter Geräte haben Sie bereits eine beachtliche Grösse erreicht. Wo sehen Sie den Schweizer Markt für Refurbished-Produkte in den nächsten fünf Jahren?
Für 2027 rechnen wir damit, dass in der Schweiz eines von fünf Smartphones im Umlauf gebraucht sein wird. Die Branche steuert auf einen zweistelligen Marktanteil zu und wird zu einem festen Bestandteil des Schweizer Detailhandels.
Und welche Rolle werden da Robotik & KI spielen?
Im industriellen Massstab sind KI und Robotik unverzichtbar, um grosse Mengen zu verarbeiten und dabei eine gleichbleibende Qualität zu sichern. Unser KI-Tool Copilot prüft und bewertet jedes Gerät nach denselben Massstäben. So hängt es nicht mehr vom einzelnen Mitarbeiter ab, in welchem Zustand ein Gerät eingestuft und zu welchem Preis es angeboten wird.
Wenn Sie den Schweizerinnen und Schweizern eine Botschaft mitgeben könnten: Warum sollte das nächste ausgediente Smartphone nicht in der Schublade landen, sondern ein zweites Leben erhalten?
Ihr altes Gerät hat einen finanziellen Restwert für Sie und einen wertvollen Rohstoffwert für den Planeten. Lassen Sie es nicht verstauben, sondern für jemand anderen arbeiten, und werden Sie so Teil einer lokalen Kreislaufwirtschaft.
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