«Die Bauindustrie braucht nicht mehr Tools, sondern besser vernetzte Technologie»
Seit 2012 entwickelt Revizto von Lausanne aus eine digitale Koordinationsplattform für komplexe Bau- und Infrastrukturprojekte. Gründer und CEO Arman Gukasyan erklärt, weshalb Fragmentierung die Branche Milliarden kostet, warum 3D-Modelle nur dann Wert schaffen, wenn alle Beteiligten sie nutzen können – und wie Revizto zur zentralen Verbindungsschicht im Lebenszyklus von Gebäuden und Anlagen werden will.
Von Matej Mikusik
Arman Gukasyan, Revizto wurde 2012 in Lausanne gegründet. Welches Problem wollten Sie ursprünglich lösen?
Vor der Gründung von Revizto arbeitete ich in der Entwicklung von 3D-Software für geografische Informationssysteme. Dort sah ich aus nächster Nähe, wie tief die Ineffizienzen in Stadtplanung und Infrastrukturprojekten verwurzelt waren. Das führte mich direkt in die Bauindustrie – und was ich dort vorfand, hat mich nachhaltig beschäftigt.
Wie ging es dann weiter?
Im Gespräch mit Generalunternehmern wurde mir klar: Wenn ein Gebäude mit einem Budget von 100 Millionen Dollar kalkuliert wurde, waren rund 20 Prozent Verschwendung bereits eingepreist. Nicht wegen schlechter Absichten oder unfähiger Menschen, sondern weil die Werkzeuge nicht miteinander verbunden waren und Informationen nicht richtig flossen. Diese systemische Verschwendung war zu gross, um sie zu ignorieren. Revizto war mein Versuch, genau dieses Problem zu lösen.
Wann wurde Ihnen bewusst, dass Baukoordination einen grundlegend neuen Ansatz braucht?
Der entscheidende Moment war für mich die Erkenntnis, wie 3D-Gaming-Technologie enorme Datenmengen verarbeiten und zugleich einfach, interaktiv und intuitiv bedienbar bleiben kann. Mir wurde klar: Genau diesen Ansatz braucht die Bauindustrie – leistungsfähig genug für die komplexesten Modelle der Welt, aber zugänglich für alle Beteiligten eines Projekts. Die zentrale Frage war für mich: Wie bringen wir all diese Daten zu den richtigen Menschen, damit alle dasselbe sehen und bessere Entscheidungen treffen können? Diese Frage ist bis heute aktuell. Wir beantworten sie jeden Tag neu.
Wie hat sich Revizto von den Anfängen zum globalen Unternehmen entwickelt
Gestartet sind wir 2008 mit Vizerra, einem einfachen Tool zum Anzeigen und Filtern von 3D-Daten. Es war die Zeit, in der das iPhone den Zugang zu komplexer Technologie radikal vereinfachte. Das hat mich inspiriert: Ich wollte dem gesamten Projektteam – vom Verwaltungsrat bis zum Polier auf der Baustelle – eine einfache, navigierbare Oberfläche für hochkomplexe Projektdaten geben.
Was war die Herausforderung daran?
Damals wurde Engineering-Software von Ingenieuren für Ingenieure gebaut. Nur etwa drei Prozent eines Projektteams nutzten solche Tools tatsächlich, weil die Einstiegshürden zu hoch waren. Ein Polier unterbricht nicht seine Arbeit, um eine komplizierte Software zu lernen. Mein Ziel war, dass jeder innerhalb von weniger als 30 Minuten mit Revizto arbeiten kann. Als wir 2012 Revizto lancierten und Issue Tracking mit 2D- und 3D-Überlagerung kombinierten, veränderte sich alles. Die Branche brauchte nicht nur eine bessere Möglichkeit, Modelle anzusehen. Sie brauchte eine Möglichkeit, auf Basis dieser Modelle zu handeln: Probleme erfassen, zuweisen, lösen und Verantwortlichkeit im gesamten Team schaffen.
«Zu unseren ersten Kunden gehörte Jacobs, eines der weltweit grössten Engineering-Unternehmen. Diese Zusammenarbeit war für uns ein starkes Signal.»
Revizto-Gründer und CEO Arman Gukasyan
Wie ging es dann weiter?
Von da an bauten wir unser Unternehmen weiter aus. Kollisionserkennung. Vereinheitlichung von 2D und 3D. Mobile Anwendungen. Cloud. In den Anfangsjahren waren wir stark im Silicon Valley vertreten, doch 2015 beschlossen wir, unseren globalen Hauptsitz in Lausanne zu konsolidieren – wo wir seitdem ansässig sind. Heute beschäftigen wir mehr als 200 Mitarbeitende, Revizto wurde weltweit in über 80’000 Projekten eingesetzt, und wir haben in den vergangenen fünf Jahren ein Wachstum von 824 Prozent erzielt.
Sind Sie in den schwarzen Zahlen?
Wir sind profitabel, unabhängig und in einer Branche tätig, deren Volumen bei rund 13 Billionen Dollar liegt und bis 2040 auf 22 Billionen Dollar wachsen soll. Die Chance war nie grösser.
Wer waren Ihre ersten Kunden?
Zu unseren ersten Kunden gehörte Jacobs, eines der weltweit grössten Engineering-Unternehmen. Diese Zusammenarbeit war für uns ein starkes Signal. Wenn ein Unternehmen dieser Grössenordnung, mit Projekten dieser Komplexität, an unsere Lösung glaubt, dann lösen wir ein echtes Problem. Zugleich setzte diese Partnerschaft von Anfang an hohe Massstäbe.

Und was haben Sie von ihnen über die realen Herausforderungen in Bauprojekten gelernt?
Unsere frühen Kunden haben uns etwas gelehrt, das bis heute alles prägt: Die Menschen, die dem Problem am nächsten sind, wissen oft mehr als die Werkzeuge, die ihnen zur Verfügung stehen. Besonders prägend war die Rückmeldung, dass Ingenieure keine Hemmungen mehr hatten, mit dem Modell zu arbeiten – und dass das gesamte Team von Anfang an eingebunden war. Dieser Wandel, weg vom Spezialistentool hin zur Plattform für alle, war genau das, was wir erreichen wollten.
Wie gingen Sie da strategisch vor?
Wir haben unser Implementierungsteam mit Menschen aufgebaut, die selbst aus der Branche kommen und diese Workflows auf realen Projekten erlebt haben. Wenn wir Kunden baten, uns ihre Herausforderungen zu zeigen, statt sie nur zu beschreiben, war die Antwort immer ähnlich: Kein einzelnes Tool kann alles gleich gut. Ob ein Subunternehmer mit einem Nemetschek-Produkt arbeitet oder ein Architekt mit Revit – niemand brachte all diese Informationen einfach zusammen. Unsere Aufgabe war nie, diese Tools zu ersetzen. Unsere Aufgabe war, sie zu verbinden. Diese Erkenntnis prägt bis heute jede Produktentscheidung.
Welche Kundengruppen nutzen Revizto heute?
Wir arbeiten über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg: mit Architekten, Ingenieuren, Generalunternehmern, Subunternehmern und Eigentümern. Rund 60 Prozent unserer Kernkunden sind Generalunternehmer – also jene Akteure, die am Ende dafür verantwortlich sind, dass auf der Baustelle alles funktioniert.
Bitte Namen!
Neben Jacobs arbeiten wir unter anderem mit AECOM, AtkinsRéalis, Skanska, Stantec, Laing O’Rourke, Siemens, Foster & Partners und Roche. Die Projekte reichen von Flughäfen, Spitälern und Rechenzentren bis zu Verkehrsnetzen und Energieinfrastruktur. Besonders spannend ist, wie stark Asset Manager und Eigentümer aus neuen Branchen Revizto nutzen. Betreiber von Rechenzentren, Öl- und Gasunternehmen und andere Organisationen, die Anlagen über Jahrzehnte betreiben, erkennen: Ein verlässliches As-built-Modell in Revizto hilft nicht nur während der Bauphase. Es macht auch das Facility Management über Jahre hinweg deutlich effizienter. Wer für ein Asset über 30 oder 40 Jahre verantwortlich ist, muss den gesamten Lebenszyklus von Beginn an absichern.
Was verbindet diese Kunden aus so unterschiedlichen Branchen?
Was all diese Kunden verbindet, ist Komplexität: grosse Teams, viele Disziplinen, enge Zeitpläne und kaum Toleranz für Koordinationsfehler, die die Branche jedes Jahr Milliarden kosten. Genau für dieses Umfeld wurde Revizto entwickelt.
Was unterscheidet Revizto von klassischen BIM-Tools oder Projektmanagement-Plattformen?
BIM-Tools helfen, Modelle zu erstellen. Projektmanagement-Plattformen helfen, Aufgaben zu verfolgen. Revizto sitzt dazwischen und verbindet beides – so, dass Eigentümer, Planer, Ausführende und Menschen auf der Baustelle in einer gemeinsamen Plattform arbeiten können. Entscheidend ist: Revizto ist wirklich einfach zu bedienen. Wir bringen 2D-Pläne und 3D-Modelle in eine gemeinsame Umgebung. Das ist zentral, weil Menschen in 3D sehen und bauen, während Verträge häufig auf 2D-Plänen basieren. Genau in dieser Lücke entstehen viele Missverständnisse und Nacharbeiten. In Revizto ist jedes Issue direkt mit dem Modell verknüpft. Alle Projektbeteiligten – vom Boardroom bis zur Baustelle – arbeiten auf jedem Gerät mit derselben Echtzeit-Datenbasis.
Und etwas technischer?
Wir sind plattformunabhängig und arbeiten mit Autodesk, Bentley, Nemetschek und Trimble. Es geht nicht darum, bestehende Tools abzulösen. Teams können sich auf einer zentralen Koordinationsplattform bündeln, ohne ihre gewohnte Arbeitsweise aufgeben zu müssen. Zugleich sind wir privat gehalten, profitabel und fokussieren uns darauf, eine Sache besonders gut zu machen. Wer mit Revizto arbeitet, arbeitet mit Menschen, die aus der Branche kommen, die Probleme der Kunden kennen und denen der Projekterfolg wirklich wichtig ist.
Wie hilft Revizto fragmentierten Projektteams, mit einer gemeinsamen Datenbasis zu arbeiten?
Fragmentierung ist das Kernproblem, das wir lösen. Wenn Architekten auf einer Plattform arbeiten, Ingenieure auf einer anderen und der Unternehmer mit Plänen arbeitet, die schon beim Ausdruck veraltet waren, geht bei jeder Übergabe Information verloren. Dieser Informationsverlust zeigt sich später als Nacharbeit. Mit Revizto kommen alle Pläne und Modelle aus allen Autorentools in einer Umgebung zusammen. Jedes Issue wird von der Erkennung bis zur Lösung mit vollständiger Nachvollziehbarkeit dokumentiert. Änderungen sind in Echtzeit sichtbar.
Woher kommt diese Offenheit?
Diese Offenheit geht über das klassische Projektteam hinaus. Bei Spitalprojekten beispielsweise bringen unsere Kunden Ärzte und Pflegefachpersonen in Revizto ein, damit sie die künftige Einrichtung bereits in der Planungsphase virtuell begehen und Feedback geben können. Sie sind die späteren Nutzer und wissen Dinge, die kein Architekt oder Ingenieur vollständig antizipieren kann. Werden sie früh eingebunden, ist das Projekt von Beginn an besser durchdacht. Entscheidend ist auch, dass Revizto im Büro und auf der Baustelle gleich gut funktioniert. Ob ein BIM-Koordinator am Desktop Clash Detection durchführt oder ein Bauleiter vor Ort mit dem Smartphone und Augmented Reality Arbeiten überprüft: Es ist dasselbe Live-Projekt, dieselbe Datenbasis, ohne Informationslücken.
Was ist das spontane Feedback der Kunden?
Das Erste, was Kunden bemerken, ist meist, wie viel Zeit sie zurückgewinnen.
Wo sehen Kunden den messbar grössten Effekt?
Bei der Reduktion von Nacharbeit und bei der Effizienz der Koordination. Immer wieder genau dort. Wir haben Kunden, die ihre wöchentlichen Koordinationsmeetings von vier Stunden auf eine Stunde reduziert haben. Das bedeutet drei Stunden pro Person und Woche, die wieder produktiv genutzt werden können. Auf einzelnen Projekten können die Einsparungen aussergewöhnlich sein. Ein Kunde schätzte die Einsparungen durch früh gelöste Koordinationsprobleme auf 15 Millionen Dollar in einem einzigen Projekt.
Wie messen Sie das – oder screenen Sie das überhaupt?
Unser «Bridging the Gap Report 2026» zeigt, dass 92 Prozent der Fachleute aus Architektur, Engineering und Bau weiterhin Budgetüberschreitungen von sechs Prozent oder mehr melden. Unsere Kunden gehören zu jenen, die diese Lücke schliessen, indem sie Probleme früher erkennen und lösen, bevor sie die Baustelle erreichen. Wenn ein Projekt mit der richtigen Koordination umgesetzt wird, sehen wir immer wieder, dass es termin- und budgetgerecht abgeschlossen werden kann. Das ist überall relevant, aber besonders bei grossen Infrastrukturprojekten – denn dort gehen Verzögerungen und Kostenüberschreitungen häufig zulasten der öffentlichen Hand.
Wie unterscheiden sich die Kundenbedürfnisse in Europa, den USA, dem Nahen Osten und Asien-Pazifik?
Das Problem ist überall ähnlich, aber der Druck unterscheidet sich je nach Region. Unser «Bridging the Gap Report», für den 2’006 Fachleute aus Architektur, Engineering und Bau in acht globalen Märkten befragt wurden, zeigt das sehr deutlich. In Deutschland und der Schweiz stehen Governance und Datenkontrolle im Vordergrund. Das nehmen wir überall sehr ernst. Datensicherheit und Datensouveränität sind bei uns keine nachträglichen Ergänzungen, sondern in die Architektur der Plattform eingebaut. Kunden wählen, wo ihre Daten gehostet werden. Ohne ihre Zustimmung verlassen diese Daten ihre Umgebung nicht.
Ist das in Übersee auch so?
In den USA wird so viel in Technologie investiert wie in kaum einem anderen Markt, und doch arbeiten dort noch 30 Prozent vollständig zeichnungsbasiert – der höchste Wert in unserer Befragung. In Australien ist die digitale Reife hoch, gleichzeitig nehmen Sorgen rund um Dateneigentum rasch zu. Im Nahen Osten erzeugt die Dimension grosser Infrastrukturprogramme Koordinationsanforderungen, die nur wenige Plattformen bewältigen können. Jeder Markt hat seinen eigenen Ausgangspunkt. Aber alle bewegen sich in dieselbe Richtung.
Was ist Ihre langfristige Vision für Revizto und die digitale Zusammenarbeit in der Bauindustrie?
Die nächste Phase wird nicht durch noch mehr Technologie entstehen, sondern durch besser vernetzte Technologie. Technologieintegration ist im zweiten Jahr in Folge die grösste Herausforderung der Branche. Das Problem ist nicht der Zugang zu Tools. Das Problem ist die Reibung zwischen ihnen. Meine Vision ist, dass Revizto zur Koordinationsschicht wird, die diese Reibung über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes oder einer Anlage hinweg eliminiert. Bei künstlicher Intelligenz ist unsere Haltung klar: Wir bauen ein offenes Framework, mit dem Kunden ihre eigenen vertrauenswürdigen Tools direkt mit ihren Daten verbinden können. Die künstliche Intelligenz kommt zu den Daten. Die Daten verlassen die Umgebung nicht. Ihre Daten gehören Ihnen. Immer.
Bitte, ein letzter Satz noch von Ihnen in diesem Interview.
Ich bin zudem stolz, als Botschafter von Innovaud Innovation und Unternehmertum im Kanton Waadt zu unterstützen. Revizto wurde in der Schweiz geboren – und von hier aus bauen wir die Zukunft globaler Bautechnologie mit. Die Bauindustrie verdient Technologie, der sie vertrauen kann. Genau daran arbeiten wir.