«Männer wollen gepflegt aussehen – aber keine komplizierte Beauty-Routine»
Mit Jungkraut haben Andreas, Luca und Julia eine Schweizer Männerpflegemarke aufgebaut, die natürliche Inhaltsstoffe mit wissenschaftlich untersuchten Wirkstoffen verbindet. Produziert wird im Toggenburg, finanziert wurde das Unternehmen bisher vollständig aus Eigenmitteln. Im Interview sprechen die Gründer Andreas von Muralt, Luca Mijnssen und Julia Lüscher über die Marktlücke bei Männerpflege, 250’000 Franken Startkapital, den Schritt zu Import Parfumerie und ihre Expansionspläne.
UnternehmerZeitung – Matej Mikusik
Sie haben Jungkraut 2020 aus einer persönlichen Unzufriedenheit mit dem Männerpflegemarkt gegründet. Wann wurde aus dieser Beobachtung erstmals eine konkrete Geschäftsidee?
Andreas von Muralt: Der konkrete Ausgangspunkt entstand 2020 bei einem gemeinsamen Grillabend am See. Luca war gerade Vater geworden und beschäftigte sich intensiv mit den Inhaltsstoffen von Babyprodukten. Daraus entstand die Frage: Warum achten wir bei Produkten für unsere Kinder so genau auf Inhaltsstoffe, bei der täglichen Männerpflege aber kaum? Danach haben wir den Markt systematischer untersucht, Kundenbewertungen und bestehende Sortimente analysiert und mit Männern über ihre Bedürfnisse gesprochen. Dabei zeigte sich für uns eine klare Lücke für wirksame, natürliche Männerpflege, die einfach anzuwenden und konsequent auf Männerhaut ausgerichtet ist.
Welche Kompetenzen bringen Sie drei ins Unternehmen ein und wie sind die Verantwortlichkeiten verteilt?
Andreas von Muralt: Wir kennen uns seit unserer gemeinsamen Studienzeit an der Universität St. Gallen, sind nach dem Studium aber zunächst beruflich unterschiedliche Wege gegangen. Heute ergänzen sich unsere Erfahrungen sehr gut. Luca bringt seine finanzielle Vertiefung aus dem Studium ein und verantwortet Finanzen, Logistik und Supply Chain. Andreas bringt insbesondere seine langjährige E-Commerce-Erfahrung bei Amazon mit und kümmert sich um Onlineshop, Innovation und die kreative Ausrichtung der Marke. Julia verantwortet mit ihrer Erfahrung im Brand Management Schweizer Traditionsmarken Marketing und Vertrieb und entwickelt gemeinsam mit Andreas Markenauftritt, Content und visuelle Identität weiter.

Die Kosmetikbranche wird von internationalen Konzernen mit riesigen Marketingbudgets dominiert. Wo haben Sie trotzdem eine Marktlücke gesehen?
Julia Lüscher: Wir haben die Lücke weniger im Kosmetikmarkt selbst als in den Bedürfnissen unserer Zielgruppe gesehen. Viele Männer ab etwa 35 möchten gepflegt und vital aussehen, können sich mit der klassischen Beauty-Welt aber kaum identifizieren. Gleichzeitig erwarten sie von Pflegeprodukten dasselbe wie in anderen Lebensbereichen: Qualität, Leistung ohne Kompromisse, hochwertige Inhaltsstoffe und möglichst wenig Komplexität. Zwischen klassischer Naturkosmetik und etablierten Marken, bei denen Männer häufig lediglich eine zusätzliche Produktlinie darstellen, sahen wir deshalb Raum für einen konsequenten Männerpflege-Ansatz.
Wie viel Kapital brauchten Sie, bis Sie das erste Produkt verkaufen konnten?
Luca Mijnssen: Von der ersten Idee bis zum marktfähigen Produkt vergingen rund 18 Monate. Für den Start waren etwa 250’000 Franken notwendig. Dieses Kapital haben wir vollständig aus eigenen Mitteln finanziert. Investiert wurde vor allem in Produktentwicklung, Produktion, Verpackung, Tests und den Aufbau der notwendigen Infrastruktur. Eine zusätzliche Herausforderung waren während Corona längere Lieferzeiten für Rohstoffe und Verpackungsmaterialien.
«Unser langfristiger Anspruch ist, Jungkraut als international relevante Schweizer Männerpflegemarke aufzubauen.»
Luca Mijnssen, Jungkraut Co-Gründer
Sie sprechen bei Ihren Produkten von Swiss NatureTECH®. Was steckt konkret dahinter?
Luca Mijnssen: Swiss NatureTECH® beschreibt unsere Formulierungstechnologie. Wir kombinieren alpine, biologisch angebaute Pflanzenextrakte mit wissenschaftlich untersuchten Hochleistungswirkstoffen in wirksamen Konzentrationen. Botanicals wie Alpenrose, Holunder oder Aroniabeere werden mit klinisch validierten Aktivwirkstoffen kombiniert. Entscheidend ist für uns nicht ein einzelner, gut vermarktbarer Wirkstoff, sondern die Performance der gesamten Formulierung. Gleichzeitig entwickeln wir Textur, Konsistenz und Anwendung von Grund auf für Männerhaut: Die Produkte sollen schnell einziehen, keinen fettigen Film hinterlassen und unkompliziert in den Alltag passen.
Wie weisen Sie die Wirkung Ihrer Produkte nach?
Julia Lüscher: Wir setzen Aktivwirkstoffe mit wissenschaftlicher Evidenz und klinisch validierten Daten ein. Während der Produktentwicklung testen wir die Formulierungen zunächst selbst und mit einem kleinen Testerkreis. Parallel dazu erfolgen Stabilitäts- und Verpackungsprüfungen sowie die regulatorische Dokumentation. Zusätzlich lassen wir die Verträglichkeit einzelner Formulierungen unabhängig prüfen. 2025 wurden diese Produkte von Dermatest mit «Sehr gut» bewertet. Wichtig ist für uns aber auch das Feedback unserer Kunden nach der Markteinführung. Wir beobachten sehr genau, wie sich die Produkte im Alltag bewähren und welche Resultate unsere Community tatsächlich sieht.
Sie produzieren in kleinen Chargen im Toggenburg. Ist Swiss Made für ein Start-up nicht vor allem teuer?
Julia Lüscher: Schweizer Produktion ist definitiv nicht der günstigste Weg. Für uns ist sie aber ein zentraler Bestandteil der Marke. Die Produktion in kleinen Chargen ermöglicht kurze Wege, eine enge Zusammenarbeit mit unseren Produktionspartnern und eine hohe Qualitätskontrolle. Wirtschaftlich funktioniert das nur, wenn man an anderer Stelle sehr fokussiert arbeitet. Deshalb setzen wir auf ein überschaubares Sortiment, konzentrierte Formulierungen und einfache Routinen statt auf immer neue Varianten. Wir reduzieren also nicht die Produktqualität, sondern Komplexität.

Mit Import Parfumerie schaffen Sie nun den Schritt in den stationären Handel. Was verändert das für Jungkraut?
Andreas von Muralt: Mehr, als man von aussen vielleicht denkt. Für einen etablierten Handelspartner reicht ein gutes Produkt allein nicht. Lieferfähigkeit, Logistik und Prozesse müssen zuverlässig funktionieren, Produktinformationen und Verpackungen müssen retailfähig sein und die Qualität muss auch bei grösseren Mengen konstant bleiben. Für uns ist die Zusammenarbeit deshalb auch ein wichtiger Reifegradtest. Sie zeigt, dass Jungkraut nicht nur als Direct-to-Consumer-Marke funktioniert. Operativ müssen wir Produktionsmengen früher prognostizieren, Warenbestände professioneller steuern und mehr Kapital vorfinanzieren. Gleichzeitig verändert sich unser Marketing: Während wir in der Aufbauphase stark auf digitales Performance Marketing gesetzt haben, investieren wir mit wachsender stationärer Präsenz zunehmend in klassische Markenbildung.
Männer gelten bei Gesichtspflege noch immer als schwierige Zielgruppe. Wer kauft bei Ihnen tatsächlich?
Luca Mijnssen: Für uns ist nicht nur entscheidend, wie gross der bestehende Männerpflegemarkt ist, sondern wie viele Männer von dieser Kategorie bisher noch gar nicht richtig angesprochen werden. Wir sehen eine Generation, die selbstverständlich in Gesundheit, Ernährung, Fitness, Kleidung oder hochwertige Ausrüstung investiert, bei Hautpflege aber noch keine Marke gefunden hat, die zu ihrem Selbstverständnis passt. Besonders stark entwickelt sich bei uns die Gruppe der etwa 45- bis 60-Jährigen: Unternehmer, Führungskräfte, Selbständige und Professionals mit hohem Qualitätsanspruch. Für sie geht es weniger darum, jünger auszusehen. Sie wollen ihren Status quo möglichst lange erhalten und frisch, gepflegt und präsent aussehen.
Brauchen Männer tatsächlich eine eigene Hautpflegemarke – oder ist das vor allem Marketing?
Julia Lüscher: Unser Ansatz ist nicht einfach, bestehende Kosmetik anders zu verpacken. Von Formulierung über Duft und Textur bis zur Anwendung entwickeln wir die Produkte konsequent für unsere Zielgruppe. Der entscheidende Punkt ist die Einfachheit. Wir verkaufen keine komplexe Beauty-Routine. Unser Ziel ist eine wirksame Pflege, die in rund 60 Sekunden funktioniert und sich deshalb auch dauerhaft in den Alltag integrieren lässt.
Wo soll Jungkraut in fünf Jahren stehen?
Luca Mijnssen: Unser langfristiger Anspruch ist, Jungkraut als international relevante Schweizer Männerpflegemarke aufzubauen. Wir wollen zunächst unsere Position in der Schweiz weiter stärken und uns gleichzeitig im DACH-Raum als klare Referenz für hochwertige Männerhautpflege etablieren. Bis heute sind wir vollständig eigenfinanziert. Das gibt uns unternehmerische Unabhängigkeit, bedeutet aber auch, dass unsere finanziellen Ressourcen für Expansion, Distribution und Markenaufbau begrenzter sind. Unser Wachstum ist deshalb langsamer als bei stark extern finanzierten Unternehmen, dafür kontrollierter. Die nächsten Schritte sind der selektive Ausbau der Distribution, eine stärkere Markenbekanntheit und die gezielte Weiterentwicklung unseres Sortiments. Neue Produkte sollen nicht einfach mehr Auswahl schaffen, sondern konkrete Bedürfnisse unserer Kunden lösen.
Hier gibt es mehr dazu:
www.jungkraut.ch